Erinnerungskultur

Am Ort der Täter

Das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg

Text: Peter Schmitt | Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach

Täter!

So richtig gut gelaufen war das lange Zeit überhaupt nicht. Fast fünf Jahrzehnte brauchte die Stadt Nürnberg nach dem Zusammenbruch des NS-Staats, um sich vollends darüber im Klaren zu sein, daß das bauliche Erbe des Dritten Reichs sich nicht mehr weiter an den Rand anderer vermeintlich vordringlicher Dinge schieben lasse; neben dem Wiederaufbau der Stadt und der wirtschaftlichen Konsolidierung, der Verkehrswegegestaltung und so weiter und so weiter. Die Stadt hatte sich ja keineswegs kollektiv besonders unwohl dabei gefühlt, als sie  seinerzeit nicht nur des Führers persönliches Schatzkästlein sein durfte, sondern dazu noch in dem schauerlichen Glanz erstrahlte, den alljährlich der größte Auftrieb uniformierter Massen bei den Reichsparteitagen der NSDAP verbreitete. Fast 380 Hektar Stadtfläche, ein ganzes, großes Erholungsgelände, beanspruchten Hitlers größenwahnsinnige Utopien aus Granit, Beton und, wie sich später herausstellte, schlechtem Mörtel. Umgesetzt von seinem Leibarchitekten und Rüstungsminister Albert Speer. Hier wurden 1935 die sogenannten Rassegesetze verkündet, der Auftakt der Vernichtungsaktion gegen die Juden in ganz Europa. Und hier sollte der Endsieg über die halbe zivilisierte Menschheit gefeiert werden. Nach dem Ende des Massen­mordens blieben die Bauten übrig. Von der Stadt und ihren Politikern überwiegend als Last empfunden, für die man selbst nichts konnte. Deren Zukunft aber zunehmend als Rätsel empfunden wurde. Sie blieben einfach stehen, wurden Sport­arena, Playground für vieles und da und dort auch ein bißchen gesprengt und weggeräumt. Die Denkmalbehörde ließ sich lange Zeit, das Gelände unter ihren Schutz zu stellen. Mit welcher Hinterlassenschaft man es hier zu tun hatte, erfuhren zufällige Besucher kaum. Versuche aus dem Rathaus, die Bundesregierung für die künftige Gestaltung in die Pflicht zu nehmen, scheiterten. In Bonn sah man das unselige Parteitagsgelände als kommunale städtebauliche Angelegenheit an. So als ob die NS-Aufmärsche lediglich eine lokale Spielart des Dritten Reichs gewesen wären.

Museum und Bildungsstätte

Erst 1985 schaffte es das städtische Kulturreferat, in einem ehe­maligen Empfangssaal Hitlers im Inneren der schier endlosen Haupttribüne, eine kleine Dauerausstellung zur Thematisierung der Reichsparteitage einzurichten. Geöffnet nur im Sommer, weil es im Winterhalbjahr in den Verliesen einfach zu kalt war, stellte ein ambitioniertes Miniaturteam von Historikern Dokumente unter dem Motto „Faszination und Gewalt“ zusammen. Ausgestattet mit einem Etat, über dessen Mickrigkeit man besser schweigt.

Großformatige Bildtafeln in düsteren, unverputzen Gängen und Räumen, wie sie Franz Kafka kaum bedrohlicher hätte erfinden können, lassen den Besucher, zumal den deutschen, keinen Moment im Unklaren, worum es hier geht: um das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte.

Auch Museumschef Hans-Christian Täubrich und sein kleines Team wissenschaftlicher Mitarbeiter arbeiten im Eingangstrakt des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände auf eher beengtem Raum. Im November 2001 wurde das Zentrum als Mischung aus Museum und Bildungsstätte eröffnet und setzte damit hinter all dem Zögern und Zaudern der davor vergangenen Jahrzehnte ein kräftiges Ausrufezeichen. Mitte der 1990er Jahre hatten fast zeitgleich der ehemalige Bundesbauminister Oscar Schneider und der Chef der städtischen Museen in Nürnberg, Franz Sonnenberger, den Anstoß zur Errichtung eines Dokumentationsbaus gegeben. Schließlich en­gagierten sich sogar die Bundes­regierung und die bayerische Staatsregierung bei den mehr als zehn Millionen Euro Bau- und Ausstattungskosten. Als Erster hatte freilich der Nürnberger Verleger Bruno Schnell mit einem sechsstelligen Betrag Vorschub für das Unterfangen geleistet. Als Ort bot sich ein Flügelbau in der dem römischen Kolosseum nachempfundenen niemals fertig gebauten Kongresshalle an. Sie sollte einmal 50 000 fanatisierten Anhängern der NS-Ideologie Platz bieten.

Lebensgroße Bilder lassen den Besucher mit Zeitdokumenten verschmelzen.

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Der Zweite Weltkrieg führte allerdings vorzeitig zur Einstellung der Bauarbeiten. Nun hatte die Produktion von Rüstungsgütern Vorrang vor Prestigebauten. Doch selbst der  bis heute erhaltene Torso erreicht eine Höhe von 40 Metern. Der Grazer Architekturprofessor Günter Domenig durchbohrte die Beton-, Backstein-  und Granitmauern mit einem 110 Meter langen begehbaren Pfahl aus Stahl und Glas und erschloß die Katakombenräume für eine Dauerausstellung, die den Namen „Faszina­tion und Gewalt“ vom kleinen, improvisierten Vorläufer beibehielt. Es sollte ein großer Wurf werden. Immerhin konnten für die Hauptausstellung 1 300 Quadratmeter reserviert werden. Dazu kommen kleinere Räume für Sonderschauen und eine Säulenhalle, deren  660 Quadratmeter Platz selbst für große Dokumentationen bieten. Zuletzt wurde dort unter dem Titel „Das Gleis“ die Rolle der Reichsbahn beim Vernichtungsfeldzug gegen die Juden in ganz Europa in Szene gesetzt. Kein anderes der durchaus zahlreichen Museen in Nürnberg zieht so viel und so internationales Publikum an; das Germanische Nationalmuseum einmal ausgenommen. Aber das wird vom Bund und dem Land Bayern getragen, während der Unterhalt des Dokumentationszentrums und seiner Dependance im Nürnberger Justizpalast (siehe Bericht S. 18) allein Sache der Stadt ist. Im ersten vollen Betriebsjahr 2005 kamen fast 240 000 Menschen, die neugierig waren, endlich Genaueres über die Zeit der Reichsparteitage und ihre Hintergründe zu erfahren. „Inzwischen pendeln sich die Besucherzahlen bei 185 000 ein“, sagt Hans-Christian Täubrich.

Manchmal muß er erklären, weshalb in Nürnberg ein Eintrittsgeld erhoben wird, während an anderen historischen Stätten des Dritten Reichs, beispielsweise in den Konzentrationslagern Dachau, Flossenbürg oder Buchenwald kein Obolus abverlangt wird. „Wir sind keine klassische Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus, das Reichsparteitagsgelände ist ein Ort der Täter“, sagt er dann. Im Jahr der Eröffnung stand Nürnberg damit im gesamten Bundesgebiet allein da. Inzwischen wurde auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden ein weiterer Täterort zum Museum ausgestaltet. Nürnberg taucht allerdings tiefer in die Problematik ein. Die Entstehungsgeschichte der Reichsparteitage und die Faszination, die Hitlers Masseninszenierungen bald schon auf die Menschen im Land ausübte, erklärt ein wenig, wie es dazu kommen konnte, daß sich ein ganzes Volk ideologisch gleichschalten und zu den ungeheuerlich­sten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte mißbrauchen ließ.

Am Anfang jeder Tat steht ein Gedanke

In der Anfangsphase lieferte die Ausrichtung der Dauerausstellung auf die Täterperspektive gelegentlich Anlaß zur Kritik, die Leiden der Opfer des Gewaltregimes kämen dabei zu kurz. „Dieses Argument ist inzwischen nicht mehr präsent“, sagt Hans-Christian Täubrich.  Die wissenschaftliche Mitarbeiterin  Astrid Betz, die das Studienforum des Dokumentationszentrums leitet, hat  noch eine andere Erfahrung gemacht: „Wir bekommen gerade von ausländischen Gästen oft zu hören, sie seien positiv überrascht, so viel über die Hintergründe des Dritten Reichs zu erfahren.“ Für Hans-Christian Täubrich stellt sich eine klare, didaktische Linie dar: „Man versteht Dachau oder Flossenbürg nicht, wenn man vorher nicht hier gewesen ist, denn am Anfang jeder Tat steht ein Gedanke.“ In Nürnberg mit seinen Massenspektakeln, bei denen  bis zu 200 000 Uniformierte geschlossen vor ihrem „Führer“ paradierten, und den hier erstmals verkündeten Rassegesetzen wurde die Grundlage geschaffen für die verbrecherischen Taten eines ganzen Volkes.

Bizarr, auf jeden Fall nicht gefällig: der Eingang des Dokumentationszentrums in Nürnberg.

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Das Museum war von Anfang an als Ort des Lernens gedacht. Nicht nur durch die Ausstellung und ergänzende Rundgänge über das seit 2006 mit einem durchgängigen Informationssystem versehene einstige Parteitagsgelände. In den oberen Rängen des Baus richtete sich ein Studienforum ein, das der Vertiefung und Nachbereitung der in den Ausstellungsräumen angerissenen Thematik dient. „Wir befassen uns mit der gesamten NS-Geschichte, allerdings liegt der Schwerpunkt bei den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts“, sagt Astrid Betz. Unter dem Aspekt Lernen am historischen Ort hat sie ein beeindruckendes Paket aus Themengesprächen und Studientagen zu den unterschiedlichsten Ausprägungen des Nationalsozialismus geschnürt. Es geht um Jugend und Erziehung im NS-Staat ebenso wie um die Rolle der Propaganda oder das Menschenbild der NS-Rassehygieniker. Auch der heutige Rechtsextremismus wird beleuchtet. Im Forum arbeitet das Museum mit fünf Partnerorganisationen zusammen. Dazu gehört der Verein „Geschichte für Alle“, der Wegbereiter für die historisch korrekte Erklärung des Reichsparteitagsgeländes war. Wichtige didaktische  Hilfestellung kommt vom Kunst- und Kulturpädagogischen Zentrum der Nürnberger Museen, KPZ. Auch der Kreisjugendring, das städtische Amt für Kultur und Freizeit und das im Bürgermeisteramt angesiedelte Menschenrechtsbüro bieten Forumsveranstaltungen an. Gedacht war das Lernzentrum zunächst vor allem für Schulklassen und Lehrer. Doch auch Gruppen von Erwachsenen buchen inzwischen Seminare. Bundeswehr und Polizei schicken ihre Anwärter. Mehr als 1 500 Gruppen mit 34 260 Teilnehmern hatten sich im vergangenen Jahr angemeldet.

Projekt: Nürnberger Prinzipien

An diesem Tag haben sich 16 Sozialkundelehrerinnen und -lehrer aus Oberfranken im Rahmen eines Studientags zuerst auf den Rundgang über das  weitläufige Gelände und anschließend durch die Ausstellungsräume gemacht. Jetzt sitzen sie in einem der lichtdurchfluteten Seminarräume ganz oben auf dem Dach des Flügelbaus. Von hier hat man einen wunderbaren Ausblick auf den Dutzendteich im Vordergrund und die Reste der großen Tribüne am Horizont. Ein hervorragender Ort, um nachzufassen über das am Tag zuvor Gesehene. Die Lehrer, die ihren Berufsfachschülern das Wesen des Dritten Reichs nahe bringen sollen, befassen sich zum Abschluß mit einem Thema, das unmittelbar in die Gegenwart reicht. Das Menschenrechtsbüro der Stadt nimmt sich in seinen Veranstaltungen besonders des Internationalen Militärtribunals an, vor dem sich ab Oktober 1945 die Haupttäter des NS-Regimes zu verantworten hatten. Projektkoordinatorin Helga Brandstätter versucht, die Systematik der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse zu erklären und einen Bogen zu schlagen zu den Völkerrechtsgerichtshöfen unserer Tage. Sei es in Den Haag, wo über die Verbrechen der Kriege und Massaker im zerfallenden Jugoslawien geurteilt wird, oder in Tansania, wo die Verantwortlichen für den hunderttausendfachen Völkermord an den Tutsistämmen Ruandas zur Rechenschaft gezogen werden sollen.

Ein NachdenkOrt

Die Geschichtslehrerin Liselotte Vades hatte einen besonderen Grund, sich mit dem Thema vertraut zu machen. Sie kommt aus Wunsiedel. Dem Ort, der viele Jahre von Tausenden Neonazis heimgesucht wurde, die vorgaben, ihre Trauer um den am Ortsfriedhof beigesetzten Kriegsverbrecher Rudolf Heß zu bekunden. Die Nürnberger Prozesse werden bei Rechtsextremen als Willkür der Siegermächte angeprangert. Helga Brandstätter geht in ihrem Vortrag auf diese Einwände besonders ein. Liselotte Vades will das Thema ihren Schülerinnen und Schülern an der Fachoberschule in Marktredwitz vermitteln. Denn obwohl sich die Mehrheit der Bevölkerung im Landkreis Wunsiedel bislang erfolgreich gegen die Neonaziumtriebe engagiere, hätten sich auch im Landkreis Gruppen junger Neonazis etabliert, sagt sie.

Zehn Jahre nach der Eröffnung  des Dokumentationszentrums zieht Hans-Christian Täubrich eine mehr als zufriedenstellende Bilanz. Zwar fehlten noch eine größere Bibliothek und ein Pausenraum für Schulklassen. Doch die anfangs mit 10 000 Euro sehr bescheidenen Mittel für Sonderausstellungen wurden mittlerweile kräftig aufgestockt. Ein Einsatz, der sich lohnt, wie er meint. Immerhin habe die Ausstellung „Das Gleis“ 60 000 zusätzliche Besucher angezogen. Einzelne Dokumentationen wurden inzwischen an anderen Erinnerungsorten des NS-Gewaltregimes und seiner Untaten gezeigt, unter anderem in Auschwitz und in Oradour-sur-Glane, wo 1944 eine SS-Einheit 642 Bewohner niedermetzelte. In diesem Jahr bietet die große Ausstellung „Mythos Germania und Tempelstadt Nürnberg“  Einblicke in die paranoid ausufernden und unverwirklicht gebliebenen Architekturpläne Hitlers für Berlin und das sogenannte Deutsche Stadion in Nürnberg.

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