Ausgabe 2/2019 | Essay

Der Geist aus der Flasche

Die Kultur ist im Rausch, im Suff entstanden (und vermutlich bei schlechtem Wetter). Unsachliche Gedanken, passend zur Jahreszeit.

Text + Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach

Die Kultur ist im Suff entstanden. Man könnte dies charmanter ausdrücken, nur: Wozu? Es ist ja nicht in Franken passiert und unter jedweden rechtlichen Aspekten längst verjährt. Außerdem kann sich ohnehin kaum jemand daran erinnern. Damals, vor 9 000 Jahren, haben gewiefte Steinzeitmenschen in Jiahu (heutiges China) eine Tinktur aus Früchten, Honig und vorher gut durchgekauten Wildreisklumpen (vermutlich eine Art Reisbällchen), die sie in die Maische spuckten, angerührt und gären lassen. Mit echten Strohhalmen züllten sie dann das köstliche Elexir mit seinem etwa zehnprozentigen Alkoholgehalt aus dünnhalsigen Tongefäßen. Ernsthafte Trinker wissen, was dann passiert. Vielleicht hatten die Präsapiens in den Jahrtausenden vorher bisweilen matschige Feigen in den Mund gesteckt und torkelten als Homo heidelbergensis oder Homo ergaster durch den Saisonwald, allerdings noch ohne rechten Sinn und Verstand. Doch um 10 000 vor unserer Zeitrechnung war plötzlich die neolithische Revolution angesagt, und die sollte alles verändern.

Am Anfang war der Sud

Patrick McGovern, der amerikanische Archäologe und Molekularbiologe, der die Tonscherben aus Jiahu mittels „Flüssigchromatographie mit Massenspektrometrie- Kopplung“ des Rauschmittelmißbrauches – er fand in ihren Poren Reste von Weinsäure – überführt hat, ist als weltweit anerkannter Experte für Spuren von alkoholischen Getränken an prähistorischen Fundstücken schon anderorts auffällig geworden: In der neolithischen Ausgrabungsstätte Hadschdschi Firus Tepe im Zagros-Gebirge im Iran entdeckte er Weinregale, in denen luftdicht verschlossene Karaffen lagerten, und ebenfalls im heutigen Iran, in der prähistorischen Siedlung Godin Tepe fand er dickbauchige Gefäße, in deren Böden Kerben geritzt waren. Aus den Ablagerungen in den Ritzen isolierte der Nachfahre irischer Einwanderer im Labor Calciumoxalat, ein mißliebiges Nebenprodukt der Bierherstellung, das in modernen Brauereien einfach ausgefiltert wird. Patrick McGovern hatte die ersten Bierpullen der Menschheit entdeckt.

Die Trinkerin kann als Abguss einer antiken Figur in der Münchner Glyptothek bewundert werden, und das ist ernst gemeint. Bei Licht betrachtet muß man nämlich einräumen, daß viel dafür spricht, daß Sprache, Bewußtsein und Kultur wohl vor allem den Frauen zu verdanken sind.

Wo es heute auf jeden Rausch Peitschenhiebe von Religionswächtern setzt, hatten die apostatischen Urbauern Gerste mit Basaltsteinen zerstampft und sogar verschiedene Sorten Bier, vom „karamellsüßem Dunkelbier über bernsteinfarbenen Pils bis zum süffigen Export“ (das stand so im Spiegel), hergestellt und umtriebigst verkostet. Nun weiß man seit längerem, dass überall da auf der Welt, wo die Menschen anfingen, Pflanzen zu kultivieren, nicht nur Brot gebacken, sondern auch Bier gebraut wurde. Die Sumerer z.B. huldigten, auch etwa 3 500 v. Chr., ihrer Fruchtbarkeitsgöttin Nin-Harra, die ihnen als Erfinderin des Bieres galt, und hielten die geoffenbarte Rezeptur vorsichtshalber auf Tontafeln fest. Allerdings ging man bisher davon aus, dass es wegen Nahrungsmangel, sei es aufgrund unkontrollierter „Sumpfzeugung“ (Bachofen) oder starken klimatischen Schwankungen nach der letzten Eiszeit zwischen 14 000 und 3 000 v. Chr., zu Ackerbau und in der Folge davon zu Seßhaftigkeit gekommen sei (Vgl. Klaus Eder, Die Entstehung staatlich organisierter Gesellschaften. Ffm. 1980). Auch Patrick McGovern beheuchelt noch den Mangel, wenn er sich zu der These gedrängt sieht, dass unsere Ahnen im Vorderen Orient, Ostasien und, wenn auch Jahrtausende später, in Mittel- und Südamerika (Formativum) Gerste, Emmer, Reis, Mais und ähnliches Krautzeug vor allem kultivierten, um alkoholische Getränke herzustellen, denn „energiereichen Zucker und Alkohol moderat in sich hineinlaufen zu lassen war eine fabelhafte Lösung, um in einer feindlichen und rohstoffarmen Umgebung zu überleben“ (zit. nach Frank Thadeusz, spiegel-online vom 19. Dez. 2009). Zum analogen Ergebnis kommt der Münchner Evolutionsbiologe Josef H. Reichholf (Warum die Menschen sesshaft wurden. Ffm. 2008). Sesshaft, so stellt er fest, wurden die Menschen, (um es deutlich auszudrücken:) wenn sie so besoff en waren, dass sie nicht mehr laufen konnten. Ausschlaggebend für diesen Entwicklungsschub ist ihm allerdings nicht etwa eine Situation des Mangels, wofür es eh keine Belege gibt, sondern, im Gegenteil, eine der Fülle. Anhand einer lückenlosen, wenn nicht redundanten, aber nie langweiligen Indizienkette belegt er dies. Selbst wenn sich aus den bezeichneten Regionen das Wild zurückgezogen hätte, wäre es für die Jäger und Sammler allemal effektiver gewesen, den Beutetieren zu folgen, statt dem behaupteten Selektionsdruck mittels zu aufwendigem und riskanten Ackerbau und viel zu komplizierten Brotbacken gerecht werden zu wollen. Um ihre Plausibilitätslücken zu schließen, müssen zur These vom prähistorischen Mangel die verschiedensten Hilfskonstrukte herhalten, die dann oft jedoch die Th eorie an anderer Stelle untergraben; warum etwa haben sich weltweite Klimaschwankungen jeweils anders oder gar nicht ausgewirkt? So entwickelten sich beispielsweise weder in Australien noch in Schwarzafrika oder Südostasien auf dem Ackerbau basierende, frühe Hochkulturen. Hingegen ist die Koinzidenz von Ackerbau und beinahe schon organisiert zu nennenden Rauschmittelkonsum zumindest auffallend. Das Vorbild des heute so beliebten „Apérogéant“ (frz. für Massenbesäufnis, z. B. auf Facebook- Verabredung) findet sich bevorzugt dort, wo beizeiten – ab etwa 7 000 v. Chr. – Pflanzen kultiviert wurden. Und dies deckt sich wiederum, wie Reichholf feststellt, mit jenen Gebieten, in die im Zuge einer ordentlichen Völkerwanderung in der Zeit von etwa 12 000 bis 9 000 v. Chr. offensichtlich zahllose Stammesverbände aus dem Zentrum Asiens geradezu sternförmig (bis nach Amerika) vorgedrungen sind.

Ausgelassene Stimmung auf der Kulmbacher Bierwoche.

Der Festwirt als Schamane

Laut Reichholf waren es diese Ural-Altaier (zu denen auch die Indogermanen zählen), die die Kenntnisse von den Rauschmitteln mitbrachten und die neolithische Revolution auslösten. Eine nicht unbedeutende Rolle scheint dabei der Umstand gespielt zu haben, dass es nicht die ganz harten Drogen mit starken halluzinogenen Wirkungen, wie Fliegenpilz oder gar Opium, waren, von denen sie Kenntnisse und Rezepte hatten, sondern eben vergleichsweise schwächere, wie Alkohol (Bier, Met, Fruchtwein) und Cannabis, mit eher enthemmender und vor allem die Geselligkeit fördernder Wirkung, und sich diese wohl auch in größerer Menge herstellen ließen. So wird auch ohne die Annahme eines Gottes-Gens (New York Times / SZ-Beilage vom 23. Nov. 2009 Seite 1 und 4) die Entstehung von Kultzentren plausibel, die als Keimzellen von Dörfern, Städten und schließlich staatlich-organisierten Gesellschaften gelten. Wer das Rezept eines berauschenden Gebräus kannte, auf das alle „wild“ waren, hatte vermutlich schnell eine herausgehobene Stellung in der Gemeinschaft; ihm wurden natürlich besondere Fähigkeiten zugeschrieben.

In Kulmbach überwiegt zweifellos die gute Laune.

Die Schamanen, aus denen sich später eine mächtige Priesterschaft entwickelte, wären zunächst nichts anderes als Festwirte gewesen. Sie mussten nur beständig für Nachschub des religiösen Schmierstoff es sorgen. Josef H. Reichholf belegt – wie gesagt – seine Th eorie mit großer Sorgfalt, ganz neu ist sie aber nicht. Der französische Soziologe Michel Maffesoli kam in seiner „Soziologie des Orgiasmus“ (Im Schatten des Dionysos. Ffm. 1986) zu einem ähnlichen Ergebnis. Allerdings führte er die Beliebheit solcher prähistorischen Events nicht allein auf die verabreichte Dröhnung zurück, sondern auf jedwede orgiastische Auswüchse (wozu natürlich auch der damalige Trommel-Pop und mehr oder minder ruckartige Tanzbewegungen gehörten). Rauschende Feste ließen ein Zusammengehörigkeitsgefühl entstehen, waren gemeinschaftsbildend und gemeinschaftsstabilisierend und sorgten mittels der schon erwähnten Sumpfzeugung für eine brauchbare genetische Durchmischung. Sonderlich beliebt ist eine solche Sicht der Dinge nicht; nicht unter Paläoanthropologen, überhaupt unter Humanwissenschaftlern und schon gar nicht unter den ortsüblichen Schöngeistern. Man hat zwar keine Probleme, sich die Altvorderen als mordlustige Raubtiere vorzustellen, aber einen Cro Magnon, der in älteren Biologieschulbüchern als relativ hellhäutiger Prinz Eisenherz daherkam, der sich betrunken über eine Neandertalerin hermachte; so bitte auch nicht! Und doch könnte es so ähnlich gewesen sein.

Zumindest wurde jüngst herausgefunden, daß Cro Magnon und Neandertaler tatsächlich etwas miteinander hatten.

Der Suff im Theater ist vermutlich nicht leicht zu inszenieren.

Lieber eine matschige Feige

Noch beunruhigender für die moderne Gesellschaft ist allerdings, dass dem wilden Orgiasmus, dem triebhaften, hemmungslosen Ausleben aller Regungen auch heute noch eine gesellschaftsstabilisierende Funktion zugesprochen werden müsste. Das ist aber eine andere Geschichte. Klar ist, dass so wenig unsere Abstammung von den Affen wohl noch geleugnet werden kann, so deutlich sollen möglichst frühzeitig die Differenzen ausgemacht werden – am besten genetisch bedingt. Gottes-Gen, Spiegelneuronen, wie wäre es mit einem iPad-Gen? Derartige Forschungsergebnisse nähren zwar den Verdacht, daß gegenwärtig eine ganze Reihe von Wissenschaften gewissermaßen degenerieren – etwa auf den Stand eines überwunden geglaubten Sozialdarwinismus; aber zumindest ist man sich über das Vorhandensein eines Sprachgens (FoxP2 – Forkhead box protein P2 – auf Chromosom Nr. 7) weitgehend einig. Einig übrigens auch insofern, dass dieses Gen uns beim Sprechen „sehr nützlich“ ist, aber noch keineswegs erklärt, wie es zu Sprache (und Bewußtsein) kam. Hier wäre es jetzt zwar eigentlich geboten auf Johann Gottfried Herders Ursprungsfiktion (J. G. Herder, Abhandlung über den Ursprung der Sprache. Berlin 1772 / Stuttgart 1966), der ersten Begegnung eines Menschen mit einem Schaf, einzugehen, aber im Sinne einer ohnehin gewagten Heuristik ist es sinnvoller, Julian Jaynes (Der Ursprung des Bewußtseins. Hamburg 1993) und seine „Urknalltheorie des Bewußtseins“ heranzuziehen. Der amerikanische Psychologe geht davon aus, dass unsere Ahnen aufgrund der zwei Gehirnhälften zunächst über eine bikamerale Psyche verfügten, sodass es in den Anfängen der Sprachentwicklung in jedem einzelnen unserer Urzeitvorfahren zu einer Kommunikation zwischen Sprachzentrum und Hörzentrum kam. Man soll sich dies in etwa so vorstellen, dass der Rudelchef irgendeinen aus der Gruppe anbellte und mit Gesten klarmachte, er solle oben auf dem Baum aufpassen, ob sich ein Säbelzahntiger nähert. Mangels Bewusstsein (wie auch Mangels eines Instinktes) aber hätte der Auftragsnehmer seinen Job, sobald er sich nur umdrehte, nicht mehr gewusst. Aber, da es sich um eine Stresssituation handelte, hat der Wächter die Laute in seinem Hörzentrum halluziniert und blieb auf dem Posten. So plausibel diese Theorie klingt, die ohne gewisse Anleihen beim „symbolischen Interaktionismus“ eines George Herbert Mead nicht auskommt, bedeutete dies, dass der arme Tropf auf dem Baum womöglich über Stunden Stress und immer dieselbe Halluzination haben müsste. Die sprachlichen Strukturen, die so vorstellbar entstehen könnten, wären zudem recht eingeschränkt; der „Wachhund“ wüsste so auch noch nicht, worauf er achten sollte, auch könnte man ihm nicht die Fähigkeit der Antizipation zuschreiben, d. h. die Drohungen des Clanchefs müssten den Stress auslösen; und was ist, wenn der Wächter etwas ganz anderes halluzinierte? Jedenfalls scheinen im Modell von Jaynes eine ganze Vielzahl von stillschweigenden Voraussetzungen eingeflochten, bis hin zu instinktivem Verhalten, das der gestellten Aufgabe viel besser gerecht geworden wäre.

Im Lichte der Theorien von Maffesoli, Reichholf und McGovern könnte man an der bikameralen Psyche und auch an den Halluzinationen festhalten, müsste lediglich den Stress als Auslöser durch die matschigen Feigen ersetzen. Sprache und Bewußtsein hätten sich dann ab etwa 30 000 v. Chr. (zu der Zeit entstanden auch die Höhlenmalereien z. B. in Altamira) eher lustbetont und spielerisch entwickelt. Bei den orgiastischen Kultveranstaltungen wären einerseits die festen Clanordnungen aufgebrochen worden, hätten sich neue Verknüpfungen ergeben, was, wenn man so will, die von Noam Chomsky als Voraussetzung von Sprache behaupteten, grammatischen Strukturen sein könnten, und das entstandene, erweiterte, auf eine größere Anzahl bezogene Gemeinschaftsgefühl, ergäbe ein herrliches Modell für das, was wir bis heute (universale) Vernunft nennen. Nicht von der Hand zu weisen ist, dass die antiken Autoren Vernunft immer wieder mit Trunkenheit in Verbindung bringen.

Als „symbolisch” wird man diesen Interaktionismus wohl nicht bezeichnen wollen.

Sozialer Katalysator

Sprache, Bewusstsein und Kultur sind im Rausch entstanden. Das legen also, neuere und weniger neue, aber nicht recht beachtete Theorien und Forschungsergebnisse nahe, von Michel Maffesoli, Josef H. Reichholf, Patrick McGovern, aber auch von Jochen Schmidt (Der Triumph des Dionysos, in: Aufklärung und Gegenaufklärung in der europäischen Literatur, Philosophie und Politik von der Antike bis zur Gegenwart. Darmstadt 1989) oder von Friedrich Kittler (Dionysos revisited, in: Lettre International, Sommer 2010) oder – um eine kleine, interessante Schrift zu erwähnen – von Marcel Detienne (Dionysos – Göttliche Wildheit. Frankfurt / New York 1992). In puncto Bewußtsein kann man ohnehin behaupten, was man will, da sich bis zum heutigen Tag die Wissenschaften nicht geeinigt haben, was Bewusstsein überhaupt ist. Beliebt ist gegenwärtig unter Evolutionspsychologen und Neurowissenschaftlern, Bewusstsein einfach als „operator“ zu verstehen, wenn es nicht praktisch gänzlich weg-definiert wird – was auch dadurch geschehen kann, dass man es jeder Krake zubilligt.

In modernen Texten geht es jetzt mit „anyway“ zur Sache: Die Droge, der Alkohol, der Rausch, die Orgie, dies wäre, so die Behauptung, als eine Art sozialer Katalysator zu verstehen. Nur, während in den kopflosen Zusammenrottungen (akephale Gemeinschaften) der Vorzeit die „deliziöse Tropfbarkeit“ (hätte Thomas Mann gesagt) im wahrsten Sinne einfallslos zusammengebraut und in einer Art herrschaftsfreien Diskurs vertilgt wurde, hatte die Produktdiversifikation, die man freilich dem Wirken des Erfinders des Weines, dem Gott Dionysos, zuschrieb, zu Zeiten etwa eines Theophrastos von Eresos (um 371 bis 287 v. Chr.) bereits ein erfreuliches Niveau erreicht, einhergehend mit einer bedenklichen gesellschaftlichen Situation.

In seiner „Naturgeschichte der Gewächse“ weiß der wichtigste Schüler des Aristoteles, nach dessen Tod (322 v. Chr.) Schulleiter der Peripatetiker, Philosoph und Naturforscher, Theophrastos, aufzulisten, dass der Wein aus Heraia in Arkadien Frauen fruchtbar macht, während ein Trunk Ceryniaweines aus Achaia zu Frühgeburten führt, dass Troizener Wein impotent macht, ein anderer den Schlaf raubt und ein weiterer ins Delirium führt. Man wusste inzwischen, dass „der Wein Heilmittel und Gift zugleich ist, eine Droge, durch die der Mensch über sich hinauswächst oder zum Tier wird, den Gipfel der Verzückung entdeckt oder in Bestialität verfällt“ (Marcel Detienne). Schon laut Aristophanes („Die Ritter“) bedeutet einen Krug Wein zu trinken entweder den sofortigen Tod, als hätte man wie Themistokles (um 525 bis 459 v. Chr. / Athener Feldherr in den Perserkriegen) Ochsenblut getrunken, oder man weckt den guten Genius in sich. Aischylos hat in seinem Stück „Sieben gegen Th eben“ auch ein leckeres Tröpfchen zu bieten. Dort wird nämlich der Wein mit dem Opferblut von Tieren oder Menschen gemischt und dient der Besiegelung der fürchterlichsten Schwüre.

Im Bierzelt …

Der Gott, der die Kultur bringt

Th eben ist wichtig, weil von hier Dionysos (es gab ihn schon lange vor Apollon auf Kreta) seinen Siegeszug durch die antike Welt antrat. In Th eben hatte der fremde Gott dafür gesorgt, dass der Herrscher Pentheus von seiner eigenen Mutter im Rausch zerrissen wurde (Euripides, Die Bakchen). In Athen zeigte sich Dionysos, der Sohn des Zeus und der Semele, allerdings weniger wild, lehrte seinem Gastgeber Amphiktyon den Wein zu bändigen, zu mischen, und wird bald als der Gott verehrt, der die Kultur bringt. Er gilt als „Aufrechter“, steht für Richtigkeit und Redlichkeit. „Weil die Menschen den Wein wohlverdünnt trinken, brauchen sie nicht länger in gebückter Haltung einherzugehen, die ihnen der ungemischte Wein aufgezwungen hatte.“ Das hatte der um 261 v. Chr. gestorbene, griech. Seher und Historiker Philochoros, angemerkt. Er konnte freilich noch nichts von dem kürzlich im Ostallgäu entdeckten Danuvius Guggenmosi wissen, einem vor rund 12 Mio. Jahren lebenden, aufrecht gehenden Vorfahr des Menschen. Und bevor die Bayern sich darauf etwas einbilden, vergessen wir dies wieder. Jedenfalls ist es zu Zeiten von Philochoros den Priestern längst gelungen die Trunkenheit, den Rausch für ihren Machterhalt zu instrumentalisieren.

So gehört der Rausch ebenso zum Kult der Kybele, der phrygischen Großen Mutter, zum Kult der thrakischen Bendis (Göttin der Jagd) und zum Kult des thrakisch-phrygischen Gottes Sabazios, der wie Dionysos, Attis und Adonis ein Gott der vegetativen Fruchtbarkeit ist. Sie alle spielen im Athen zu Zeiten des Peloponnesischen Krieges (gegen Sparta von 431 bis 404 v. Chr.) eine wichtige Rolle. Am bedeutendsten ist Dionysos, dessen Kult und Anhängerschaft Euripides in den „Bakchen“ aufs Korn nimmt (und damit, wenn auch posthum, 406 v. Chr. bei dem Tragödienwettbewerb zu den Dionysien in Athen den ersten Preis gewinnt). In dem Stück versucht er am Beispiel Th ebens aufzuzeigen, dass die Repräsentanten einer alten Ordnung (zu der in Athen auch der Priester und Tragödiendichter Sophokles gehörte) sich aus blanken Opportunismus dem Dionysos anschließen und sich der Kult selbst einfach auf ein „sich Wohlfühlen im Rausche“ reduzieren ließe. Die Verhältnisse sind kompliziert; selbst der Aufklärer Euripides macht sich mit seiner Ablehnung des Dionysischen, wie später Platon mit seiner Ideenlehre, zum Agenten einer streng patriarchalen Gesellschaft. Friedrich Kittler (siehe oben) weist darauf hin, dass Dionysos ein Gott der Frauen (Mänaden) ist, die bekanntlich im antiken Athen nichts zu melden hatten. Während etwa in Sparta Aphrodite verehrt wurde, die jungen Mädchen schon vor der Ehe eine Sexualität gönnte, man in diesem militaristisch eingerichteten Stadtstaat überhaupt sexuell sehr freizügig dachte, wurde in Athen bereits im Ursprungsmythos selbst die Zweigeschlechtlichkeit regelrecht geleugnet. Die ersten Athener sind aus Steinen der Akropolis entstanden, die der Schmiedegott Hephaistos in seinem vergeblichen Bemühen um die Stadtgöttin Athena mit seinem Ejakulat befruchtete. Laut Kittler verlängert Platon diese Leugnung der Zweigeschlechtlichkeit zu seiner Ideenlehre. „Die Götter sind mit den Ideen zutiefst verwandt, also dürfen die Götter ihr Wesen niemals ändern. Götter, die Metamorphosen durchmachen würden, wären keine Götter mehr, sondern Betrüger und Zauberkünstler“ (Kittler, siehe oben). Das triff t Zeus, der gerne mal als Adler, Hengst, Stier oder was immer auftritt; das triff t natürlich die Zerreißung und Wiedergeburt des Dionysos, zu dessen Kult obendrein erotischer Rausch und Tanz mit vielen jungen Frauen gehört. Dem Rausch widmet sich Platon u.a. auch in seinen Gesetzen (Nomoi), wo er einerseits zur Seelenprüfung taugen soll und auch bei den Symposien zur Gesamtbildung beitrage, andererseits aber den Ehepaaren untersagt wird, weil sich dies ungünstig auf den Nachwuchs auswirkt: „Abirrend und schlecht geeignet zur Kinderzeugung ist daher der Trunkene, so dass er wohl, der Wahrscheinlichkeit nach, fehlerhafte, unbeständige und weder der Gesinnung noch dem Körper nach gerade Kinder erzeugen dürfte“ (Nomoi 775 d).

… kann auch Frau sich austoben.

Lots Töchter

Entscheidend ist, dass der Genuss von Alkohol in der gesamten Antike in der schon von Aristophanes gepflegten Art, wenn auch wohl oft ironisch gemeint, beurteilt wird. Häufig wird dem Trunkenen dabei sogar dezidiert vernünftiges Denken bescheinigt. Entsprechend eines Rates des Philosophen Hans Blumenberg lässt sich mit Vernunft „am wirksamsten agieren, wenn man im Unbestimmten hält, was man unter Vernunft verstanden wissen will“ (Der Befehl des Delphischen Gottes und die Ironie seiner Spätfolgen, in: Ein mögliches Selbstverständnis. Stuttgart 1997). Daran kann man sich halten, zumal es hier ja nicht darum geht, eine bahnbrechende neue Philosophie zu entwickeln, sondern lediglich Indizien aufgesucht werden, die in unserem Kulturbetrieb oft übersehen bzw. vergessen werden. Solche Indizien kann man übrigens auch in der Bibel (die Römer lassen wir hier einmal beiseite) finden. So wird es beispielsweise als durchaus vernünftig angesehen, dass Lots Töchter (Genesis und 1. Buch Moses) dem Vater, weil keine anderen Männer vorhanden sind, Wein geben, betrunken machen, um von ihm geschwängert zu werden. Auch das Pfingstwunder (Apostelgeschichte) ist in diesem Zusammenhang interessant, wo der Heilige Geist als ein Brausen – übrigens hieß Dionysos mit anderem Namen Bromios, der Brausende – über die Apostel und Jünger kam und sie befähigte, in anderen Sprachen zu sprechen und einander zu verstehen, so dass sie dachten, sie seien betrunken. Paulus widersprach dem zwar sogleich, aber immerhin hielt man für möglich, dass es hätte eine Wirkung des Weines sein können.

Wie auch immer: Dem Christentum ist es jedenfalls gelungen, die obszönen, brutalen und in sich widersprüchlichen, römischen Götter zu besiegen und damit staatlich gebilligte, wenn nicht gar organisierte, orgiastische Kulthandlungen zu unterbinden. Jedenfalls fast! Es blieb die Überzeugung der Menschen, dass „der Wein, der Alkohol, Heilmittel und Gift zugleich ist, eine Droge, durch die der Mensch über sich hinauswächst oder zum Tier wird, den Gipfel der Verzückung entdeckt oder in Bestialität verfällt“. Und es blieb der Karneval. Der russische Literaturwissenschaftler, Altphilologe und Philosoph, Michail M. Bachtin (1895 – 1975) führt in „Literatur und Karneval“ (Frankfurt am Main 1990) aus, dass im Mittelalter zumindest in den großen Städten teilweise über Monate hinweg Karneval gefeiert wurde, eine Lachkultur, in der nahezu alles parodiert und durch den Kakao gezogen wurde. Allerdings nicht unbedingt zur Freude der geistlichen und weltlichen Herrscher; das Trinken und die Trunkenheit hatten fortan subversiven Charakter. Das scheint wichtig, wenn man sich vergegenwärtigt, dass durchaus nicht erst seit der Romantik, der Epoche, in der Friedrich Kittler die Wiederkehr des Dionysos verortet, nahezu alle … okay: nicht übertreiben, sehr viele „Kulturschaffende“, also Literaten, Musiker, Maler und selbst Philosophen, kompromisslose Trinker bzw. Konsumenten anderer Drogen waren und vermutlich bis heute sind. Müßig, bei einer Auflistung eine chronologische Ordnung einzuhalten: Goethe trank bis zu vier Liter Wein pro Tag („Andere haben ihren Suff ausgeschlafen, ich hab’ ihn aufgeschrieben.“); Lichtenberg bekundete seine Vorliebe des Alkohols als Stimulanz in einigen seiner Aphorismen; Jean Paul logierte am liebsten im Wirtshaus, wo ihm die vollen Bierkrüge durch den Fußboden von unten durchgereicht wurden; E.T. A. Hoff mann hat sich schreibend totgesoffen; Schubart musste seine genialen Momente von Schreibern festhalten lassen, weil er sich am anderen Tag an nichts mehr erinnern konnte; Bachs Weinrechnungen werden gern damit beschönigt, dass er viele Gäste empfangen habe; Beethovens Faible für gesüßte Rotweine bescherte ihm mindestens eine respektable Leberzirrhose, wenn nicht gar eine Bleivergiftung, weil damals der Wein mit Blei gesüßt wurde; Robert Schumann trank – zumindest in der Öffentlichkeit – sehr überstürzt. Max Reger, Van Gogh, Charles Baudelaire, James Joyce, Dylan Thomas, Ernest Hemingway – alles tadellose Trinker.

Und daneben gab es natürlich noch die Liebhaber des Opiums oder des von Paracelsus (Theophrast von Hohenheim) erfundenen Laudanums (90 Prozent Wein, zehn Prozent Opium), angefangen von Plotin über Novalis und Nietzsche (der hatte allerdings oft Zahnschmerzen) bis zu Jean Cocteau. Freud bevorzugt Kokain, Ernst Jünger LSD, Walter Benjamin Canabis. Diese Liste der berühmten Drogenkonsumenten ließe sich beinahe beliebig weiterführen bis hin zu Charles Bukowski oder Jim Morrison, dem legendären Sänger der „Doors“. Damit aber niemand auf falsche Gedanken kommt: Es gibt keinen, zumindest keinen bisher nachgewiesenen Kausalzusammenhang zwischen Drogenkonsum und kultureller bzw. künstlerischer Leistung – die allerwenigsten, die saufen, sind Genies. Auffällig im bürgerlichen Sinne sind sie allemal. Und subversiv im weitesten Sinne darf man zumindest unsere großen Dichter, Denker und Künstler aus der obigen Liste insofern nennen, dass sie alle irgendetwas verändern wollten; sei es ästhetisch, gesellschaftspolitisch, sozial. Es geht letztlich um die schon von Aristoteles und Cicero thematisierte Problematik zwischen vita activa und vita contemplativa, um lebendiges Kulturleben oder die Pflege von Kulturgütern. Letztere entstehen, etwas verkürzt ausgedrückt, genau dann aus zunächst oft unverstandenen oder unerwünschten, großartigen kulturellen Leistungen, wenn ihre Schöpfer ihr Ziel erreicht haben, wie von Christoph Willibald Gluck, die Oper reformiert ist, die angestrebte Veränderung eingetreten oder auch belanglos geworden ist. Der umgekehrte Weg vom Kulturgut zum lebendigen Kulturleben ist relativ selten, setzte er doch vor allem eine Streitkultur voraus.

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