Erinnerungskultur

Stadt ohne Juden

DenkOrt Deportationen 1941 bis 1945 - eine Kritik / hierzu ein Leserbrief von Daniel Osthoff / und meine Erwiderungserwiderung

Text + Fotos: Wolf-Dietrich Weissbach

Er wollte wohl nur Judenhasser etwas zur Besinnung bringen; angeregt von der Schmiererei „Juden raus“ in einer öffentlichen Toilette in Wien verfaßte der bis dahin eher mäßig populäre österreichische Schriftsteller Hugo Bettauer „Die Stadt ohne Juden – einen Roman von übermorgen“. Die im Wien, Utopia genannt, der 1920er Jahre spielende Satire erzählt mit einer aus heutiger Perspektive regelrecht prophetischen Weitsicht in Bezug auf die Geschehnisse im Dritten Reich von der Ausweisung der Juden aus der Stadt, weil sie vom der seit Jahrhunderten „erprobten“ antisemitischen Rhetorik erlegenen Volk für Inflation, Arbeitslosigkeit, für alle negativen gesellschaftlichen Entwicklungen verantwortlich gemacht wurden.

Für Bettauer bedeutete es den Durchbruch; sein Roman verkaufte sich hunderttausendfach, wurde in viele Sprachen übersetzt und 1924 unter der Regie von Hans Karl Breslauer verfilmt. Wenige Monate nach der Premiere des Stummfilms wurde Bettauer von einem NSDAP-Mitglied in seinem Büro erschossen. (Der Täter ging weitestgehend straffrei aus.) Bedrückend sind in dem von Berlin bis New York erfolgreich gezeigten Film die Bilder, wie die Juden in langen Elendsmärschen ihre Heimat verlassen oder in Zügen abtransportiert werden. In Utopia wird die Vertreibung der Juden mit einem Feuerwerk gefeiert – die Ernüchterung aber folgt gewissermaßen auf dem Fuß: Ohne Juden wird alles noch schlimmer. In dem lange als verschollen gegoltenen, 2015 auf einem Pariser Flohmarkt wiederentdeckten und 2019 vollständig wiederhergestellten Film (in dem auch Hans Moser erstmals in einer Rolle zu sehen ist) geht die Geschichte gut aus. Nachdem in der Stadt wegen der Vertreibung Kultur und Wirtschaft zusammenbrechen, werden – auch dank der List eines Künstlers – die Juden zurückgerufen. Die ersten Ankömmlinge trägt man auf den Schultern in die Stadt. Romanautor und Regisseur konnten sich offensichtlich das, was kaum zehn, fünfzehn Jahre später tatsächlich geschah, nicht im Entferntesten vorstellen.

Vom Umgang mit der Erinnerung

 

Die Frage ist, ob wir über die heute erforderliche Phantasie verfügen. Angesichts der Ausführungen des Verfassungsschutzpräsidenten Thomas Haldenwang Anfang August zum Antisemitismus, in dem heute Verschwörungsphantasien oft noch mit Rechts- wie Linksextremismus konvergieren, angesichts des Umstandes, daß es offensichtlich wieder jüdische Bürger gibt, die sich ernsthaft fragen, wann (vielleicht auch für sie als Bürger überhaupt) der Zeitpunkt gekommen ist, das Land zu verlassen, haben wir wohl allen Grund, beunruhigt zu sein. Es läuft gegenwärtig einiges schief in der Welt ohnehin, wie eben auch bei uns, direkt vor unserer Tür. Wissenschaft und Politik – so sie sich nicht auf die Seite der Populisten, die auf alles eine richtig falsche Antwort haben, geschlagen haben – zeigen sich ratlos. Wir leben, so der Philosoph Gerhard Gamm (Lettre 76), in einer perplexen Gesellschaft, die in ihrer permanenten Wissensproduktion im gleichen Maße das Nichtwissen erzeugt, das von sich immer wichtiger nehmenden, zugleich immer unbedeutenderen Individuen zu abstrusen, sich zirkulär selbstbestätigenden Konstrukten „verbastelt“ (IKEA-Effekt / Sascha Lobo) wird – zumindest wenn ein moralisches Korrektiv fehlt. Was jedoch auch bedeutet: Wir sind alle für das, was – zumindest in unserem unmittelbaren Umfeld – schiefläuft, mitverantwortlich, wie Eltern für ihre Kinder.

Nun, es sollte in ein paar Sätzen nur angedeutet werden, daß die Beurteilung eines DenkOrts (ohnehin eine seltsame, allenfalls sprachmodische Wortschöpfung) nicht gelingen kann, wenn fünf Meter daneben – also knapp außerhalb des angewiesenen Ortes – das Denken wohl aufhören darf. Ohne dezidiert die deutsche Erinnerungspolitik wie auch überhaupt die sich diachron ständig verändernde, und auch synchron sehr unterschiedliche Erinnerungskultur für die Erfolge der AfD verantwortlich zu machen, ihr den immer weiter um sich greifenden Vertrauensverlust der sog. bürgerlichen Parteien wie der Medien, oder schließlich den Anstieg politisch motivierter, vor allem rassistischer und antisemitischer Straftaten anzulasten, könnte es dennoch angezeigt sein, gerade auch unsere „Erinnerungskultur“ nach Versäumnissen und Fehlleistungen zu befragen. Gleich gar, wenn ein Großteil der angedeuteten asozialen Bewegungen offensichtlich, bewußt oder versehentlich, in unserer unseligen Vergangenheit Ideologie aufsaugt.

Man darf nicht fahrlässig mit der Erinnerung umgehen. Genau dies aber muß man den Schöpfern des „DenkOrts Deportationen“, bis hin zu unglücklich gewählten Metaphern wie „Der Weg ist das Ziel“ oder „sichtlich zufrieden: ein langer Weg liegt hinter uns“ in ihren Ansprachen, vorhalten, der am 17. Juni 2020, siebenundsiebzig Jahre nach einer Deportation von jüdischen Bürgern mit zwei Zügen von Würzburg in die Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und Theresienstadt, der Öffentlichkeit übergeben wurde.

Fotografie als Komplize der Tat

 

Der gewiß gut gemeinte DenkOrt ist eben nicht so gewissenhaft durchdacht, wie es – zumindest in journalistischer Prüfung – sein sollte; die Skulptur in ihrer banalisierenden Eventästhetik groß und schwer und bunt, wird – selbst wenn noch einige Koffer hinzukommen – sicher schwerer, aber keinesfalls gewichtiger. Übrigens mußten mit ziemlicher Sicherheit bei der Deportation die Gepäckstücke nicht in Würzburg zurückgelassen werden. Nun sollte der DenkOrt für die Nachfahren der Opfer und die Nachfahren der Täter aber auch noch Verschiedenes leisten und wird dem aber nicht gerecht. Der Historiker Dan Diner sprach bereits vor über 30 Jahren in solchem Zusammenhang von einer „negativen Symbiose“, die das Verhältnis von Juden und Deutschen wohl für Generationen bestimmen würde. Juden und Deutsche müssen mit Auschwitz leben. „Beide leben in jeweils notwendig anderer, ja gegensätzlicher Weise mit der Erinnerung an das Ereignis, bzw. sind bemüht, ihr auszuweichen.“

Für die Opfer bzw. die Nachfahren der Opfer kann ein derartiges Heterotop, bei dem es in der Tat vorrangig gar nicht auf die Form ankommt, solange sie nur nicht verletzend, nicht herabsetzend, sondern ehrlich ist, den Sinn des Denkmals, des Gedenkens erfüllen. Schließlich vermögen schon leise, blasse Engramme, Erlebnisbilder intensive persönliche Erinnerungen auszulösen. So wie das Lächeln einer fremden Person an eine innig geliebte, längst verstorbene Großmutter erinnern kann, nur weil es einen Moment in winzigen Zügen dem ihren ähnelt; so wie auch traumatisches Geschehen in der Vergangenheit durch flüchtigste Anlässe zu gefühlskräftigen Erinnerungen führen kann. In diesem Sinne sind die Nachfahren der Opfer „Wächter der Erinnerung“, ohne wirklich Vorgaben machen zu müssen, wie die Nachfahren der Täter das Gedenken einzulösen, zu verwirklichen haben.

Der Nachfahre der Täter freilich muß sich in Anbetracht eines ihn betreffenden Mahnmals, sei es kraft Zuschreibung, sei es gesellschaftlicher Zugehörigkeit, Abstammung, Verwandtschaft mit einem ihm mindestens unangenehmen, auf jeden Fall aber gesellschaftlich, sozial geächteten Geschehen rational auseinandersetzen (können). Er muß sich selbst, ob er will oder nicht, zu einem „Zivilisationsbruch“ in Beziehung setzen, weshalb nun aber die Form bis in die kleinste Kleinigkeit von Bedeutung ist. Das Mahnmal sollte und darf die rationale Auseinandersetzung nicht behindern. Und wenn nun aber eine „Puppenstube“ für den Nachfahren der Täter den Anlaß des Mahnmals unstatthaft banalisiert?

Das glatte, glättende, allzu offensichtlich gedankenlose, verkitschende, unsensible Nachbauen einer Fotografie der Gestapo verdeckt dann schlicht, was doch offenbart werden sollte. So als wäre „embedded“, also das im Auftrag der Gestapo erstellte und „freigegebene“ Foto neutral, wertfrei und nicht die Deportation, die deportierten Menschen aus propagandistischen Gründen noch verhöhnend (hierzu: H.G. Adler, Der verwaltete Mensch. Tübingen 1974). Eine Fotografie kann ein bloßes Dokument, mag bloße, eigentlich sogar bedeutungslose Oberfläche sein, wird aber zum Komplizen einer Tat (und bleibt dies), wenn ihr plötzlich für einen anderen, sagen wir vorsichtig: staatstragenden Kontext Bedeutung zugesprochen, wenn ihr – und sei es nun aus erzieherischen Gründen – etwa gar durch eine kollektiv gebilligte Übersetzung, Übertragung in einen anderen Seinsbereich, eine andere Dimension, eine womöglich weihevolle Überhöhung zuteil werden soll. Die Bilder – man möge den drastischen Hinweis verzeihen, der jedoch durchaus angemessen ist – von der Enthauptung amerikanischer Geiseln, die seinerzeit die islamistische Terrororganisation IS verbreitet hat, können auch nicht dafür verwendet werden, Menschlichkeit zu propagieren, selbst dann nicht, wenn sie von Gerhard Richter sozusagen ästhetiziert würden.

Der Holocaust ist künstlerisch nicht darstellbar

 

Jeder Versuch emphatischen Nacherlebens kann, gemessen am unvorstellbaren Ausmaß des Schreckens, der, laut Hannah Arendt schon juristisch nicht mehr zu fassenden Verbrechen, der Gewalt, der kollektiven Geisteskrankheit, wie sie von Zeitzeugen geschildert, von der historischen Wissenschaft erforscht wurde und noch immer wird, nur als Lüge, als verharmlosende Deckerinnerung angesehen werden. Man sollte, … man muß, soll es nicht nur um einen melodramatischen Effekt (mit eventuell unerwünschten, aber eben in Kauf genommenen Wirkungen) gehen, bei einem derartigen Projekt auf über jeden Zweifel weitestgehend erhabene Stimmen hören. Sehr rigoros: Theodor W. Adorno („Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch.“) oder zumindest den französischen Filmemacher Claude Lanzmann, der für sein über neunstündiges Filmwerk „Shoah“ (1985) die Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden (ohne eingeblendetes, dokumentarisches Material) aufzeichnete.

Für den 2018 im Alter von 92 Jahren gestorbenen Lanzmann war klar, der Holocaust ist künstlerisch nicht darstellbar. Es war für ihn unverständlich, daß ein Steven Spielberg nach einem Film wie „Shoah“ noch seinen Film „Schindlers Liste“ drehen konnte. Nur, auch die Deportation als streng zum Holocaust gehörig, ist künstlerisch nicht darstellbar. Was widrigenfalls, bezogen speziell auf den Würzburger DenkOrt, dazu führen kann, daß arglose Passanten im Vorbeigehen an das Gepäck einer Reisegruppe auf dem Weg in den Urlaub denken; und läsen sie die (zweifellos sorgfältig erarbeiteten) Informationstafeln ohne Vorbildung in eine Gemütslage verfallen könnten, die Habbo Knoch in seinem über 1000seitigen Werk „Die Tat als Bild“ (Hamburg 2001) als die vor allem die Erinnerungskultur der ersten Nachkriegsjahrzehnte kennzeichnende, aber noch immer festzustellbare „indifferente Entsetztheit“ bezeichnen könnte. Ein diffuses Gemisch aus Erschrecken, Unbehagen, Resignation, Selbstmitleid, vielleicht auch Ärger und Zorn auf die Generation der Eltern und Großeltern, was u.U. auch die Erinnerungskultur verändert, weil sie ebenfalls oft schon verstorben sind und von ihren Kindern nicht mehr persönlich „angeklagt“ werden … andererseits sind die dezent-bunten, oft in Details verliebten Koffer und Decken schön anzusehen. Und überhaupt steht man ja nicht auf dem Ort (vom Schotter abgesehen) der Tat; das eigentlich Schreckliche (die Ermordung) ist nicht hier, sondern woanders geschehen. Weshalb man auch problemlos seine Mittagspause auf den Sitzgelegenheiten verbringen kann. Darüber hinaus paßt dieses Narrativ bestens zur Auffassung nicht weniger Würzburger, die militärisch nicht mehr notwendige Bombardierung der Stadt am 16. März 1945 mache sie ja selbst zu (unschuldigen) Opfern bzw. deren Nachfahren.

Denkmal-Show

 

Wie auch immer: Gibt es einen genius loci, kann wahrscheinlich am falschen (Denk)Ort auch nicht richtig gedacht werden. Der Würzburger Architekt Manfred Geisendörfer hat als kleiner, fünfjähriger Junge den Abtransport der Juden in der Aumühle beobachtet. Und er hat sich als über 80jähriger leidenschaftlich in mehreren Briefen an die Redaktion der MainPost dafür eingesetzt, daß das Denkmal am Originalschauplatz – was allerdings nach Aussagen der Stadt aus baulichen Gründen nicht möglich wäre – errichtet wird; freilich wollte er auch ein anderes Denkmal. Das Argument, daß man einen Tatort nicht einfach verlegen könne, nur, weil es woanders schöner ist“, für Geisendörfer geradean Geschichtsfälschung, überzeugte die für den DenkOrt Verantwortlichen nicht, sowenig wie seine Einwände gegen das Modell des Architekten und Künstlers Matthias Braun, das laut MainPost vom 7.4.2020 Geisendörfer für „bloße Dekoration und überfrachtet“, als „Show-Denkmal“ bezeichnete. Er forderte (vergeblich) einen schlichten, ruhigen Gedenkort, an dem man zur Besinnung kommen könne.

Übrigens: Mit Willi Grimm, Bildhauer aus Kleinrinderfeld (Lkr. Würzburg), hätte es einen anderen, renommierten, in der Region lebenden Künstler gegeben, der mit seinem Euthanasie-Denkmal im Kloster Maria Bildhausen gezeigt hat, daß man auf Show und hohle Effekte auch verzichten könnte. Andererseits legte speziell die Initiatorin Benita Stolz – laut Interview in der SZ – besonderen Wert darauf, daß der DenkOrt von möglichst vielen Menschen gesehen wird, wofür es wohl keinen besseren Standort als den Bahnhofsvorplatz geben dürfte, „weil hier nicht schamhaft weggeschaut“ werden könne, weil hier Tag für Tag Tausende Menschen (interessierte, mündige Bürger?) vorbeikämen. Und sie wollte ein soziales, ein modulares, ein wachsendes Denkmal. Sie wollte auf keinen Fall ein Denkmal eines einzelnen Künstlers, sie wollte etwas, „das lebt, das immer wieder neu entstehen muß, an dem viele beteiligt sind“ (SZ-Interview vom 16. Juni 2020). Von den 109 betroffenen unterfränkischen Gemeinden, beispielsweise weil es in ihnen 1933 jüdische Kultusgemeinden gab, steuerten bisher 47 je zwei gleiche, von Künstlern, aber auch Schülern gefertigte Gepäckstücke aus Metall, Holz, Stein oder Beton bei. Eines für den Würzburger DenkOrt als Knotenpunkt eines Netzes von Gedenkstätten der beteiligten Gemeinden, in denen das korrespondierende Gepäckstück verbleibt.

Instrumentalisierte Erinnerungskultur

Seit 2011 mühte sich der Verein „DenkOrt Aumühle e.V.“ unter Vorsitz der Stadträtin Benita Stolz „intensiv“ um die Verwirklichung eines Denkmals zur Deportation der zweitausenddreiundsechzig jüdischen Bürger aus Unterfranken in die Vernichtungslager des Dritten Reiches. Wobei bereits die erste Aktion des Vereins, der „Weg der Erinnerung“ vom Platz’schen Garten zur Aumühle, bei der rund 3000 Menschen sich ritualisiert zu Opfern stilisierten, indem sie Schilder mit den Namen der Opfer vor der Brust trugen, mindestens umstritten war. (Was es mit derartigen Aktionen auf sich hat, erklärt in einem anderen, neueren Zusammenhang – auf Tik Tok schminken und verkleiden sich Jugendliche für kurze Videos als KZ-Insassen – Diane Saltzman vom Holocaust Museum in Washington: „Die Nachahmung von Holocaust-Erfahrungen entehrt die Erinnerung an die Opfer, beleidigt die Überlebenden und verharmlost die Geschichte.“ / spiegel-online vom 25.08.2020) Und dieser falschen Identifizierung mit den wirklichen Opfern bleibt man bis zum heutigen Tage treu; bei der feierlichen Einweihung des DenkOrtes waren es größere Tafeln mit Porträtfoto. Es wird kein Gedanke daran verschwendet, ob man mit einer derartigen emotionalen, vermeintlich emphatischen Aufladung ganz grundsätzlich die Chance eines Bewußtwerdens vertut. Über all den Aktionen des Vereins – es wurde vor einigen Jahren auch schon einmal der Holocaust getanzt – schwebt zudem, wenn auch nicht lauthals verkündet, ein pädagogischer, erzieherischer Anspruch. Letzterer ist grundsätzlich nicht in Zweifel zu ziehen. Natürlich muß es der Erinnerungspolitik in Deutschland vorrangig darum gehen, daß nie wieder ein solches Regime vom Volk gewollt wird. Ein wichtiger Aspekt könnte dabei sein, Sorge zu tragen, daß es nicht einmal zu einer Abwesenheit des moralischen Sinns (wie dies der NZZ-Autor Wolfgang Sofsky nennt) kommt.

Diesbezüglich hätte man sich beispielsweise zu fragen, ob es legitim ist, das Gedenken an konkrete Opfer des NS-Regimes, an Menschen, die nicht vergessen werden dürfen, nun eben im Sinne der gerade angesagten Erinnerungskultur zu instrumentalisieren. (Die Maßgaben und Ausrichtungen der deutschen Erinnerungskultur haben sich in den vergangenen siebzig Jahren ja immer wieder verändert.) Es sollte besser sein, in Schule, Medien, Wirtschaft, Kirche, Staat und Politik rechtem Gedankengut und -umtrieben entschieden, entschlossener entgegenzutreten.

Kurzum: Was gibt es jetzt eigentlich gegen den DenkOrt am Würzburger Hauptbahnhof einzuwenden? Form und Inhalt stimmen einfach nicht überein!

Eine Antwort auf Wolf-Dietrich Weissbachs „Stadt ohne Juden“

von Daniel Osthoff

Das Fazit Wolf-Dietrich Weissbachs zum DenkOrt Deportationen lautet: „Form und Inhalt stimmen einfach nicht überein.“ Dies versucht er auf vier Text- und zwei Bildseiten zu begründen. Und holt dabei zu einem Rundumschlag aus, gespickt mit Zitaten von Kulturgrößen aus drei Jahrhunderten, die er als Zeugen für seine Meinung aufruft.

Zunächst einmal möchte ich Wolf-Dietrich Weissbach mit seinem zweiten Fazit recht geben: „Es sollte (…) sein, in Schule, Medien, Wirtschaft, Kirche, Staat und Politik rechtem Gedankengut und -umtrieben entschieden entgegenzutreten“. Aber nur dann, wenn das ausgelassene Wort „besser“ nicht relativierende Bedeutung hätte. Ich kann ihm auch noch folgen, wenn es um die künstlerische Güte des Gepäck-Ensembles geht. Und nicht zuletzt: Weissbachs grundsätzlich aufrechte Haltung soll hier nicht angezweifelt werden. Dazu kenne ich ihn lange genug.

Das war es aber auch schon mit dem Gesäusel. Erst nach seiner halbseitigen Einleitung über das Buch / den Film „Die Stadt ohne Juden“ (1924) von Hugo Bettauer, die Weissbach nur dazu dient, überzuleiten auf die Fähigkeit unserer Vorstellungskraft, wie sich der aktuelle Antisemitismus weiter verschärfen könnte, kommt er endlich zu seinen wesentlichen Kritikpunkten.

Fahrlässigkeit und Mitverantwortung

Weissbach beginnt – untermauert mit Äußerungen eines Philosophen (Gerhard Gamm) – mit einer Plattitüde: „Wir sind alle für das, was – zumindest in unserem unmittelbaren Umfeld – schiefläuft, mitverantwortlich“. Daraus folgert er, die deutsche Erinnerungspolitik und Erinnerungskultur sei mitverantwortlich für die Erfolge der AfD, Rassismus und Antisemitismus. Zumindest sagt er das rhetorisch geschickt indirekt. Wie abgeschmackt! Verwechselt Weissbach da nicht Begrifflichkeiten? Das Begriffspaar actio und reactio einerseits und Verantwortung andererseits? Aber er braucht diese Folgerung, um die Erinnerungskultur nach „Versäumnissen und Fehlleistungen“ zu hinterfragen. Und schon wieder kommt ihm eine Geistesgröße zu Hilfe, diesmal Novalis, den er, vielleicht fahrlässig, mit einem Zitat zu Wort kommen lässt, das er leider falsch wiedergibt, damit es in seine Argumentation passt: Man solle nicht „fahrlässig mit der Erinnerung um[zu]gehen“. Tatsächlich lautet das Zitat: „Die Menschen gehen viel zu nachlässig mit ihren Erinnerungen um.“ [in Fragmente, Dresden 1929]. Zwischen fahr- und nachlässig gibt es allerdings einen großen Unterschied: Fahrlässig bedeutet heute laut Duden „die gebotene Vorsicht, Aufmerksamkeit, Besonnenheit fehlen lassend“ – und das ist Weissbachs Vorwurf – , während nachlässig in der Zeit des Novalis im 18. und 19. Jahrhundert bedeutet: sich gehen lassen. Das richtige Zitat des Novalis bedeutet also: Die Menschen interessieren sich zu wenig für ihre Erinnerungen.

Aber Weissbach möchte eben genau dies den „Schöpfern“ (Weissbach) des DenkOrts vorwerfen: Fahrlässigen Umgang mit der Erinnerungskultur und damit Verantwortung für rechte Umtriebe. Da bin ich nun aber ganz Teil einer „perplexen Gesellschaft“ (Gerhard Gamm, s.o.).

Eventästhetik und eine Gestapo-Fotografie

Weissbach unterscheidet – auch hier bemüht er einen gewichtigen Zeugen, den Historiker Dan Diner, der Professor in Jerusalem und Leipzig war – zwischen zwei Zielgruppen von Betrachtern des DenkOrts: Nachfahren der Täter und Nachfahren der Opfer. (Es gibt übrigens auch noch andere: Nachfahren von Tätern und Opfern, ich zum Beispiel). Für die Nachfahren der Opfer macht er es sich leicht: da könne man nicht viel falsch machen, wenn das Denkmal ehrlich gemeint sei, löse es bei Opfern oder deren Nachfahren „gefühlskräftige Erinnerungen“ aus. Das kann ich allerdings auch bestätigen: Hana, die Witwe Jehuda Amichais, die über den Lifestream des Bayerischen Fernsehens  die  Einweihungsfeier miterlebt hatte, war sehr bewegt und schrieb mir: „The exhibition has a very strong impact. The ceremony was very moving. The whole idea of the project touches my heart and i think it is so important for Jews and Germans together.”

Nun aber kommt Weissbach zur zweiten Zielgruppe, zu den Tätern und deren Nachfahren. Hier dürfe eine „Puppenstube“ die für ihn notwendige „rationale Auseinandersetzung“ der Nachfahren der Täter nicht „unstatthaft banalisieren“. Ist damit im Umkehrschluss die Auseinandersetzung der Opfer und ihrer Nachfahren irrational? Könnte man daraus lesen. Und dann wäre es ziemlich grenzwertig! Und anders herum: warum dürfen die Täter und ihre Nachfahren nicht auch emotional mit dem Thema Holocaust umgehen? Vielleicht täte das dem ein oder anderen rationalen Menschen ganz gut!

Und dann darf ein Foto, das von der Gestapo zu Dokumentations-, vielleicht auch zu Propagandazwecken aufgenommen wurde, nicht Basis für ein Denkmal sein? Weil es ein Komplize der Tat sei? Was für eine irr-witzige Vorstellung. Doch, natürlich, es darf! Weil es entfremdet, zweckentfremdet wurde, seines ursprünglichen Sinnes beraubt und in einen neuen Zusammenhang gestellt wurde; den Kommentar und die Einbettung in die neue Dimension bilden die „(zweifellos sorgfältig erarbeiteten)“ Informationstafeln.

Kunst und der Holocaust

„Jeder Versuch emphatischen Nacherlebens kann (…) nur als Lüge, als verharmlosende Deckerinnerung angesehen werden.“ So schreibt es Weissbach. Was soll das heißen?  Was ist denn  emphatisches Nacherleben? Dass die Gepäckstücke „dezent-bunt“ „schön anzusehen“ sind? Und damit verharmlosend wirken? Gar eine Lüge sind? Dann wären zahlreiche Räume im Jerusalemer Yad Vashem ebenso Lüge und Deckerinnerung. Das Yad Vashem dient sicherlich in erster Linie dazu, den Nachfahren der Opfer eine Erinnerungsstätte zu sein. Es hat aber auch die Absicht, den Nachfahren der Täter und allen anderen Menschen, die mit dem Holocaust rein gar nichts zu tun haben, ein Mahnmal zu sein. Und dann der Zeuge Adorno: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch.“ Passt in Weissbachs Argumentationsfolge. Aber was ist das?:

„Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends

wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts

wir trinken und trinken

wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng …

der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau …“

Paul Celan, die „Todesfuge“ aus dem Jahr 1952, eine Antwort auf Adorno (1951)? Und Celan war beileibe nicht der Einzige. „Künstlerisch nicht darstellbar.“ Das hätte Wolf-Dietrich Weissbach, wäre er Lehrer geworden, mal dem Schüler Celan in roter Tinte unter das Gedicht schreiben sollen. Warum aber traut er sich das hier im Zusammenhang mit dem DenkOrt Deportationen? Weil er rhetorisch zu einer anderen Thema-Variation überleiten möchte. Denn er fragt sich nun, was „arglose Passanten im Vorbeigehen“ denken werden, angesichts von etwas künstlerisch nicht Darstellbarem. Arglos – als ob der DenkOrt ein Überfall aus dem Hinterhalt sei. Er kann sich nur drei Arten von Passanten vorstellen: die Ignoranten, die bei der Ansicht von Koffern an Urlaub denken, dann diejenigen, die in eine „indifferente Entsetztheit“ verfallen (und damit natürlich nicht rational denken können, so Weissbach), und nicht zuletzt die Verharmloser, die er mit denen gleichsetzt, die den 16. März 1945 nach wie vor aus Opfersicht betrachten. Tja, wenn die Menschheit so einfach in drei Gruppen einzuteilen wäre.

Das Denkmal – eine Show am falschen Ort?

Eine ganze Spalte widmet Weissbach der Frage, ob das Denkmal am richtigen Ort stehe und warum Benita Stolz den Bahnhofsvorplatz für richtig hält. Dies ist der schwächste Absatz des Artikels, weil Weissbach lediglich ein paar Zeitungsinterviews und Leserbriefe zusammenfasst und seine eigene Meinung fast verbirgt. Der einzige Ausbruch ist der Begriff „Geschichtsfälschung“ bezüglich des Ortes, wobei nicht ganz klar ist, ob der Begriff ursprünglich vom leserbriefschreibenden Manfred Geisendörfer stammt, oder ob Weissbach den Begriff in die Runde wirft. Allerdings: Geschichtsfälschung ist, wenn man bewusst Tatsachen der Vergangenheit verdreht, um eine andere Interpretation für die Gegenwart zu erreichen. Wenn ein geschichtsträchtiger Ort wie die Aumühle in einem Kunstprojekt, und das ist ein Denkmal und auch dieser DenkOrt, auf die Bühne der Öffentlichkeit gesetzt wird, sprich den Bahnhofsvorplatz, dann ist das künstlerische Freiheit. Der Begriff Geschichtsfälschung hat in dem Zusammenhang einen ziemlich fahlen Beigeschmack. Auch Leonhard Frank wurde, bezogen auf  sein Buch „Die Jünger Jesu“, vorgeworfen, die Geschichte zu verfälschen, wenn er in seinem Roman während der Nazizeit Juden auf dem Würzburger Marktplatz durch Nazis zu Tode kommen lässt. Wenn jedoch die innere Wahrheit einer Szene, eines Denkmals vorhanden ist, spielt der Ort keine Rolle. Da muss man nicht immer gleich mit pseudo-juristischen Totschlag-Begriffen aufwarten. Im Gegenteil: der Zweck eines Denkmals ist ja auch, Menschen zu erreichen. Wer kommt denn zum Aumühl-Bahnhof? Die meisten wissen ja nicht einmal wo dieser Ort überhaupt ist. Abgesehen von den rund 3000 Menschen, die den „Weg der Erinnerung“ gegangen sind oder darüber gelesen haben.

Falsche Identifizierung, instumentalisierte Erinnerunskultur

Zuletzt kommt noch eine perfide moralische Keule: Auf dem „Weg der Erinnerung“ vom Platz’schen Garten zur Aumühle trugen wir Schilder mit den Namen der Deportierten vor der Brust, weil wir partiell in die Rolle der Deportierten schlüpften. Es war eine Demonstration und ein Schauspiel gleichermaßen. Der Teilnehmer am „Weg der Erinnerung“ ging, eine historische Situation nachstellend, stellvertretend für die Deportierten. Vor allem, um zu deutlich zu machen, dass die Deportation nichts Verborgenes war, dass man sehr wohl sehen konnte, was da geschah, und dass die späteren hilflosen Entschuldigungen, man habe von all dem nichts gewusst, zumindest für einen Teil der Anwohner ins Leere liefen. Das Gleiche taten wir bei der feierlichen Einweihung des DenkOrts. Um den Menschen, die in die Züge getrieben wurden, ein Gesicht zu geben. Was sagt Weissbach dazu? Die Menschen, die den „Weg der Erinnerung“ mitgelaufen sind, hätten sich „ritualisiert zu Opfern stilisiert“ und bezeichnet dies als „falsche Identifizierung“. Was für eine absurde Vorstellung! Ich kann nur für mich und meine mir bekannten Mitdemonstranten sprechen: Nicht einer von uns hat sich als Opfer gefühlt oder sich mit einem Namen oder Bild „identifiziert“. Auch nicht unterbewusst! Und zuallerletzt stellt er noch die Frage, ob es legitim sei, „das Gedenken an Opfer des NS-Regimes (…) im Sinne der Erinnerungskultur (…) zu instrumentalisieren.“ Ja, man darf (sich) meinetwegen diese, wenn auch schon abwertende Frage stellen, aber sie ist auch gleich ganz deutlich mit einem klaren JA zu beantworten. Das Gedenken an Opfer kann sicher auch stummes Schweigen sein, wenn ich beispielsweise an einem Stolperstein vorbeikomme und innehalte. Das Gedenken an Opfer in der Öffentlichkeit ist aber nicht stumm, sondern ein Aufruf, ein Aufruf gegen Rassismus, Antisemitismus und anderes rechtes Gedankengut, und zwar im Namen der Opfer – und in eigenem Namen!

Wolf-Dietrich Weissbach besitzt das Gen des Widersprechenmüssens, und das ist gut so. Er kann gar nicht anders. Aber manchmal steht er sich dabei auch selbst im Weg.

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